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WISSENSARTIKEL

Wut bei schwerer chronischer Erkrankung

Warum sie berechtigt ist und sein darf

Arie Bal · Psychologischer Berater & Coach, Energy Healing · Mai 2026

Es gibt eine Wut, über die fast niemand mit dir sprechen will.

Die Wut, wenn du die Treppe hochgehen möchtest, aber nicht kannst. Wut darüber, wenn jemand sagt: „Du siehst heute richtig gesund aus.“ Wut, wenn du beim Arzt wieder eine Stunde im Wartezimmer sitzt, weil dein Termin einfach verschoben wurde – und du den Stress mit einem tagelangen Crash bezahlen wirst. Wut, wenn sich der eigene Körper anfühlt, als wäre er dein schlimmster Feind.

 

Wut ist bei schweren chronischen Erkrankungen eine der am häufigsten und stärksten unterdrückten Emotionen. Obwohl sie meistens berechtigt ist – ist sie nicht willkommen. Sie schmerzt sowohl körperlich – weil unterdrückte Wut den Schmerz verstärken kann, als auch seelisch – da man sich für sie grundlos schämst.

Warum ist diese Wut eigentlich so massiv?

Weil sie aus etlichen “Stockwerken” besteht.

 

Im obersten Stock sitzt die Wut über all das, was heute gelaufen ist: der verschobene Termin, eine spitze Bemerkung der Schwiegermutter, der eigene Körper, der wieder nicht mitmacht.

Du kennst diese Art Wut. Sie ist laut und greifbar. Doch darunter liegen weitere Etagen – und dort hat sich so manches angesammelt und angestaut.

Dort haust die Wut über die jahrelange Dauer bis zu deiner Diagnose, Wut über all die selbstgefälligen Ärzte, die behaupteten, es sei doch nur „psychisch”, Wut über jede Arzthelferin, die dich wie einen nervigen Simulanten abfertigte, wenn du nach 40 Minuten Wartezeit fast kollabiert wärest. Auch Wut über die unzähligen Formulare, welche du ausfüllen musstest, um etwas zu erhalten, das dir längst zugestanden hätte. Dazu gesellt sich die Wut über die Forschung, die nicht stattfindet, weil deine Krankheit weder lukrativ, noch politisch laut genug ist …

 

In dem darunter liegenden Stockwerk wohnt ein stattlicher Haufen Wut über all das, was du verloren hast und nicht mehr kannst. Den Beruf, der einst zu deiner Identität gehörte, die Beziehungen und Freundschaften, die nicht mehr halten, die Zukunftspläne, die du nicht mehr umsetzen kannst, all die versäumten Familienfeiern und Partys, welche du früher so genossen hast, die Treffen mit deinen Freundinnen, wo man sich ausgiebig ausquatschen konnte; Wut über den vermissten Sport, bei dem du dich so richtig austoben und abreagieren konntest, die vielen Hobbies, welche dein Leben bereicherten, und und und.

 

Das nächste Stockwerk darunter verfügt bei den meisten über ein paar besonders gehütete Räumlichkeiten, welche mit schweren Metalltüren dauerverschlossen sind. Dort wird besonders sorgfältig all die Wut der Kindheit aufbewahrt.

 

…Und schließlich gibt es da noch den Keller. Den betrittst du nur selten und ungern. Dort lebt in der hintersten Ecke deine Wut auf den eigenen Körper – dieses dienliche, zuverlässige Zuhause, dass einst dein Verbündeter war. Jetzt fühlt er sich eher wie ein Verräter oder Erzfeind an. Wie ein kaputtes Uhrwerk, das trotzdem gezwungen wird weiterzuticken. Oder ein Schiff mit einem Leck, welches zwar nach außen “noch schwimmt”, doch innen kämpft alles ums Überleben. Eine Ruine, die man aus Höflichkeit noch „Mensch“ nennt.

 

Diese Wut ist die ehrliche Antwort auf eine Reihe von Verlusten und Dauerlasten, die wie offene Akten nebeneinanderliegen liegen – unbearbeitet, ungelöst, nie wirklich abgeschlossen.

AUS DER ERFAHRUNG

Was mir in den vielen Jahren als Angehöriger eines chronisch Erkrankten aufgefallen ist: Die Wut der Betroffenen wird von ihrem Umfeld fast immer falsch eingeordnet. Sie wird häufig als Charakterveränderung, Verbitterung, Reizbarkeit, oder gar Undankbarkeit gedeutet. Doch in Wirklichkeit ist sie: eine über Jahre angesammelte, unausgesprochene Antwort auf sowohl medizinisches und institutionelles, als auch soziales Unrecht. Wer das einmal erkannt, oder gar miterlebt hat, vernimmt in der Wut etwas anderes – keine Aggression, sondern eine Stimme, die zu lange überhört wurde

Was passiert, wenn du deine Wut immer wieder unterdrückst?

Du kennst diese Anbahnung, wenn sich die Hitze in deinem Bauch staut, zu einem Kloß im Hals verdichtet, du tief Luft holst und – schluckst.

Du schluckst, weil du gelernt hast, dass Wut nicht gut ankommt. Du willst nicht die „schwierige Patientin” sein, die als „kompliziert” archiviert wurde. Du hast ohnehin keine Energie für einen Streit, der dich anschließend zwei Tage flachlegt. Du hast gelernt, höflich und freundlich zu bleiben – lächelnd „Danke” zu sagen.

Aber die Wut löst sich nicht auf, nur weil du sie runterschluckst. Sie verschwindet ins Innere. Und dort macht sie Dinge, die du weder siehst noch wünschst.

Forschungen zur Unterdrückung von Wut bei chronischen Schmerzpatienten zeigen etwas Überraschendes, das einige Betroffene intuitiv wissen: Wer seine Wut systematisch nach innen wendet, hat im Schnitt mehr Schmerzen und stärkere Einschränkungen im Alltag als Menschen, die ihre Gefühle offen ausdrücken. Wenn du Wut unterdrückst steigt dein Blutdruck und zugleich spannt sich die Muskulatur an – per Elektromyografie gut messbar. Und genau das Gefühl, das du eigentlich verdrängen wolltest, verursacht eine Stressreaktion, welche dein Schmerzempfinden intensiviert. Je mehr du etwas unterdrückst und wegschiebst, desto präsenter wird es.

Dieser Zusammenhang ist bei Fibromyalgie besonders gut belegt. Wer in einem Moment der Wut auch Schmerz empfindet, nimmt ihn durch die komplexe Körperreaktion wesentlich intensiver wahr.

Bei ME/CFS kommt ein weiterer Faktor hinzu, den außerhalb der Erkrankung kaum jemand versteht. Denn Wut, ist ein körperlich anstrengendes, plus kraftforderndes Gefühl und als ME/CFS Betroffener hat man oft gar nicht erst die Energie – wütend zu werden. Wenn dein System also schon im Defizit läuft, bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Wut zur Seite zu schieben. Aber auch hier – verschwindet sie nicht. Sie staut sich lediglich.

Was das praktisch bedeutet? Die Wut, die nicht nach außen kann, sucht sich ihren Weg nach innen. Und sie lagert sich in deinen Körper ab.

Was passiert, wenn du deine Wut zeigst?

Chronisch Kranke lernen schnell: Es gibt eine richtige und eine falsche Art, krank zu sein. Die richtige Art ist tapfer, geduldig und positiv zu sein, die falsche – seiner Wut freien Lauf lassen.

Wenn die Wut mal durchkommt, hört man schnell Sätze wie: „Lass dich davon nicht so beeinflussen”, „Versuch, es etwas entspannter zu sehen“, “Meckern und Jammern hilft nicht viel,” „Andere haben es auch nicht einfach,” oder: „Du machst dich damit nur noch kränker”...

Manchmal kommt auch der gut gemeinte Hinweis, dass eine positive Einstellung wichtig für den Heilungsprozess sei.

Alle diese Aussagen kommen noch oben drauf zu all dem, was dich ohnehin an deine Grenzen bringt und du kaum tragen kannst.

Und sie richten etwas an, das schwer auszuhalten ist – sie machen dich zum Schuldigen. Aus einer Erkrankung, die dir widerfahren ist, wird plötzlich ein Verhaltensschema: Du bist wütend? Dann reißt du dich nicht genug zusammen. Du denkst nicht positiv? Dann strengst du dich wohl nicht genug an. Deine Heilung kommt nicht voran? Nicht verwunderlich bei dieser Haltung…

Damit wird deine Erkrankung unterschwellig zu einer Frage der Einstellung gemacht und deine Wut zum Beweis dafür, dass du es nur nicht „richtig” angehst.

Also lernst du deine Wut zu verbergen und wegzudrücken. Nicht, weil du es willst, sondern weil höflichbleiben weniger Energie kostet, als sich jedes Mal zu ärgern und zu erklären. Denn selbst wenn man dir anstandshalber zuhört – geglaubt wird dir eher selten. Du hast einfach keine Kraft für eine sinnlose Diskussion, die dich anschließend für Tage ausknockt – denn du weißt genau was kommt, wenn du Dampf ablässt.

Vielleicht hast du sogar gelernt, deine Wut für die Krankheit verantwortlich zu machen, denn du hast gelesen, dass Stress Schmerzen verstärkt, negative Emotionen dem Körper schaden und Selbstmitgefühl wichtig sei. Wie sehr all das auch zutreffen mag – es fühlt sich nur anklagend, niederschmetternd, belastend und falsch an. Denn es klingt so, als seist du selbst der Auslöser der Erkrankung und deines Zustandes.

Daher an dieser Stelle ein wichtiger Hinweis: Schuldzuweisung ist hier weder angebraucht, noch hilfreich! Was du gerade brauchst, ist nicht die Frage, ob dich deine Wut krank macht— sondern eine Antwort auf die Frage: „Wohin mit deiner Wut?!” Denn – aus Angst sie könnte dich noch kränker machen, sie weiterhin zu unterdrücken, ist eine weitere Form von Druck, die dein System zusätzlich belastet.

Wie findet die Wut einen Weg nach außen, ohne zu verletzen?

Hier liegt der eigentliche Hauptkern: Wut zu spüren ist natürlich und an sich nicht das Problem. Problematisch wird es, wenn sie verdrängt, oder ungefiltert an anderen ausgelassen wird – am Partner, Kind, an Unbeteiligte, oder gar gegen sich selbst.

Es gibt einen schmalen Pfad zwischen den beiden Verhaltensweisen und der heißt: kontrolliertes Rauslassen.

Der erste Schritt wirkt fast zu simpel: Du benennst den Zustand – innerlich oder laut. „Ich bin gerade wütend!"

Kein „Aber ich sollte nicht…,” „Aber so schlimm ist es doch gar nicht.” Nur: Ich bin wütend.

Forschung zur Affektbenennung („affect labeling") zeigt, dass schon das bewusste Benennen einer starken Emotion die Erregung im Gehirn reduziert. Wut zu benennen bedeutet nicht, sie loszuwerden, sondern lediglich einen Abstand zwischen ihr und dir zu schaffen. Damit nimmst du ihr die doppelte Ladung – bestehend aus „Wut", plus noch die Wut darüber, wütend zu sein.

Der zweite Schritt ist, ihr innerhalb deiner Belastungsgrenze einen körperlichen Ausdruck zu gestatten. Das ist wichtig, denn bei ME/CFS und Fibromyalgie ist alles, was zu viel Energie kostet, ein Risiko. Joggen, schreien, gegen einen Boxsack schlagen — all das kann hilfreich sein, wenn man gesund ist.

Doch bei dir könnte es einen Crash auslösen. Was im Rahmen deiner Belastungstoleranz möglich sein kann, sieht eher folgendermaßen aus:

  • Hände zu Fäusten ballen, ein paar Sekunden anspannen, lockerlassen — drei, vier Mal.

  • Mit lauter Stimme „nein" sagen. Für dich allein. In dein Kissen. Im Auto…

  • Schreiben. Schreibe einfach drauf los. Niemand wird es lesen, alles darf raus…

  • Zerreiße eine Zeitung. Zerschmettere altes Geschirr. Reiße ein Stück Stoff auf. Manchmal will der Körper etwas zerstören, das niemandem weh tut.

 

Für den dritten Schritt benötigst du ein Gegenüber, denn hier sprichst du deine Wut gegenüber jemandem aus, der sie aushält. Das muss nicht der Mensch sein, der dich wütend gemacht hat. Es muss jemand sein, der dir nicht widerspricht, nicht relativiert und keine Lösungen oder „eine andere Perspektive" anbietet. Jemand, der aktiv zuhört und einfach sagt: „Ja. Ich verstehe. Das ist nachvollziehbar." Diese Person kann eine Freundin sein, eine Therapeutin, jemand aus deiner Selbsthilfegruppe… Wenn niemand da ist, könnte notfalls auch dein Tagebuch der Zuhörer sein — eine Seite, auf der alles stehen darf, was du sonst nirgendwo aussprechen kannst.

Wenn Wut einen Zeugen gefunden hat, öffnet sich ein Ventil nach außen und sie kann entweichen. Bleibt sie “allein”, sucht sie sich ihren Weg nach innen.

Der vierte Schritt – der sich oft erst nach den ersten drei umsetzen lässt – besteht darin, die Wut zu nutzen.

Wut ist Energie. Wenn du sie benennen, ausdrücken, teilen und entladen kannst, kristallisiert sich am Ende etwas heraus, das sich wie Klarheit anfühlt – eine Grenze, die du ziehst. Ein plötzliches „Nein" am Telefon — obwohl dein erster Reflex normalerweise „Ja, klar" wäre. Ein Gespräch mit dem Hausarzt, in dem du klar formulierst, was du verlangst, anstatt zu fragen, ob es möglich wäre es zu bekommen. Ein klarer Zeitlimit für deinen Gast, obwohl es dir sonst trotz Erschöpfung unmöglich wäre, ihn nach 30 Minuten bitten zu gehen, usw.

Diese Form von Wut nennt man in der Forschung auch konstruktive Wut. Sie ist die ältere, klügere Schwester der reaktiven Wut. Sie weiß, wo sie hin will. Sie ist nicht laut – sondern klar.

Was bleibt

Vielleicht geht es gar nicht darum, deine Wut loszuwerden. Vielmehr darum sie anzusehen und ihr einen Platz zu bieten, an dem sie sein darf, ohne sich gegen dich zu richten.

Wut, die über Jahre hinweg unterdrückt wurde, kann sich zu einem dauerhaften Zustand entwickeln, der sich als allgemeine Reizbarkeit äußert, die du keiner bestimmten Ursache mehr zuordnen kannst.

Und bei einer übergangenen, chronischen Erkrankung, stellt Wut schon gar keine moralische Verfehlung dar. Sie ist ein notwendiges Ventil und natürliche Reaktion eines Menschen, der zu viel trägt und zu lange nicht ernst genommen wurde.

Es ist in Ordnung, wütend zu sein, denn Wut zeigt dir, was deinem System zu viel ist und du nicht hinnehmen willst. Genau deshalb sollte sie beachtet werden und Gehör finden.

Quellenverzeichnis

Wissenschaftliche Studien & Reviews

  1. Galvez-Sánchez, C.M., Montoro, C.I. et al. (2022). The Link between Fibromyalgia Syndrome and Anger: A Systematic Review. Journal of Clinical Medicine, 11(3):844. PMID: 35160295. PMC: PMC8836473. (abgerufen am 05.05.2026)

  2. Burns, J.W. et al. (2014). Suppression of anger and subsequent pain intensity and behavior among chronic low back pain patients. PMC4170675. (abgerufen am 05.05.2026)

  3. Burns, J.W. et al. (2014). Anger suppression and subsequent pain behaviors among chronic low back pain patients. PMC4170680. (abgerufen am 05.05.2026)

  4. Van Middendorp, H. et al. (2010). The effects of anger and sadness on clinical pain reports and experimentally-induced pain thresholds in women with and without fibromyalgia. Arthritis Care & Research. (abgerufen am 05.05.2026)

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  6. McBeth, J. et al. (2005). Hypothalamic-pituitary-adrenal stress axis function and chronic widespread pain. PMC1257426. (abgerufen am 05.05.2026)

  7. Barlow, M.A., Wrosch, C., Gouin, J.P., & Kunzmann, U. Is Anger, but Not Sadness, Associated with Chronic Inflammation and Illness in Older Adulthood? Psychology and Aging. (abgerufen am 05.05.2026)

  8. Anderson, J.S. et al. (2012). ME/CFS qualitative meta-synthesis. PMC3229648. (abgerufen am 05.05.2026)

  9. Medical Invalidation in Young Women with Chronic Illness (2024). PMC10569812. (abgerufen am 05.05.2026)

 

Diagnostische Instrumente

  1. Spielberger, C.D. (1999). State-Trait Anger Expression Inventory (STAXI-2). Standardinstrument zur Erfassung von Wuterleben und Wutregulation.

Arie Bal

Psychologischer Berater & Coach, Energy Healing

 

Arie Bal begleitet seit vielen Jahren Menschen in belastenden Lebenssituationen. Als langjähriger Angehöriger eines Menschen mit schwerer chronischer Erkrankung kennt er die Herausforderungen  aus der Angehörigenperspektive. Er ist ausgebildeter psychologischer Berater und Coach.

MEDIZINISCHER HINWEIS

Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.Die Inhalte basieren auf wissenschaftlichen Quellen und der langjährigen Erfahrung als psychologischer Berater, Coach und Energy Healing Practitioner sowie Angehöriger. Bei akuten Beschwerden wende dich an deinen Arzt oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst (116 117).

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